Annibale Carracci - PietàÖl auf Leinwand, 1598-1600, 158 x 151 cm , Museo e Gallerie Nazionali di Capodimonte in Neapel

Tags: 16. Jahrhundert Italien Bibel Italienische Malerei Renaissance Südalpin

Was ist passiert?

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zum berühmten Gemälde 'Pietà' von Annibale Carracci!

Annibale Carracci — Pietà

Eine Frau und ein Mann, der beinahe nackt auf ihrem Schoß liegt. Beide gleichen sich aufgrund ihres jüngeren Alters und den feinen Gesichtszügen. Wallende Stoffe umgeben das Bild und – zwei recht vergnüglich scheinende Engel. Was wird wohl in dieser, von tiefster Dunkelheit umgebenen, Szene passiert sein?

Einen ersten Hinweis gibt uns der blond gelockte Engel am rechten Bildrand. Er berührt mit dem linken Zeigefinger vorsichtig etwas, das spitz nach oben steht. Spielerisch lächelnd blickt er uns direkt an und weist auf die vor ihm liegende Dornenkrone hin, die unmittelbar in Verbindung mit dem Martyrium Christi steht. Und davor, eine weitere Demonstration seiner Leiden, die Nagelwunde in seinem Fuß, die uns fast ebenso anzublicken scheint. Zudem erinnern die aufeinanderliegenden Steinplatten im Hintergrund, von denen die obere zurückgeschoben ist, an das Jesusgrab. Wir können also schließen- es handelt sich um eine Szene, in der Jesus betrauert wird. Aber von wem? Sollte die weibliche, so jung aussehende Figur in diesem Bild tatsächlich seine Mutter sein?

Einen Hinweis dazu gibt der Titel des Bildes: Pietà. Wobei Pietà nicht bloß irgendein beliebiger Titel ist, sondern ebenfalls einen Bildtypus beschreibt, der in der Geschichte der christlichen Kunst so hoch im Kurs stand, wie nur wenige andere. Es ist ein Andachtsbild , das die intime Trauer der Maria um ihren Sohn Jesus zeigt. Somit scheint die Sachlage geklärt und dennoch- das Bild mutet doch sehr manierlich an, gemessen an den enormen Verletzungen, von denen die Bibelgeschichte erzählt. Jesus Körper, der ästhetische Mittelpunkt und wichtigster Bedeutungsträger des Bildes, scheint weitestgehend unversehrt- ja fast gesund, von athletischem Bau, mit ebenmäßiger Haut und eleganten Gesichtszügen. Wären da nicht die leblos-grauen Hände und Füße – man könnte beinahe meinen, er schläft. Die Geste von Maria soll uns die Emotionen einer trauernden Mutter vermitteln, jedoch sind auch sie nicht in realistischer Dramatik dargestellt, sie bleiben nur angedeutet. Maria wirkt ruhig, stützt den leblosen Sohn mit stiller Eleganz. Ihr jugendliches Aussehen vermittelt – sie ist erhaben über die Zeit und die mit ihr einhergehende Alterung.

Der italienische Barockmaler Annibale Carracci hatte nicht die Absicht, uns die Szene in realistischer, körperlicher Brutalität zu zeigen, sondern wollte die Trauer als eine spirituelle Erfahrung  ermitteln. Die Verletzungen und der mit ihnen verbundene physische Schmerz Christi werden auf ein Mindestmaß reduziert. Das Leiden selbst tritt in den Hintergrund und die Überwindung desselben wird zum eigentlichen Bildthema. Maria gibt ihren Sohn in die Hände Gottes und wir sollen dies, ästhetisch möglichst angenehm, nachempfinden.

© the artinspector / karima knickmeyer