Bartolomé Esteban Murillo - Zwei Mädchen am FensterÖl auf Leinwand, um 1665–1675, 125 × 104 cm, National Gallery of Art in Washington D.C.

Tags: 17. Jahrhundert Spanien Spanische Malerei Barock

Kunst oder Wirklichkeit?

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zum berühmten Gemälde 'Zwei Mädchen am Fenster' von Bartolomé Esteban Murillo!

Bartolomé Esteban Murillo - Zwei Mädchen am Fenster

Kunst oder Wirklichkeit? Zwei junge Frauen stehen lächelnd am geöffneten Fenster – Das auf den ersten Blick so unschuldig wirkende Sujet, offenbart bei genauerer Betrachtung jedoch noch wesentlich mehr. Zwischen Privatheit und Öffentlichkeit changierend, wird der Betrachter direkt angesprochen und in das Bildgeschehen eingebunden. Einerseits wird er zum Mitwirkenden des Gemäldes, da er direkt aus diesem angeschaut wird, andererseits zum kunstbetrachtenden Voyeur. Dabei scheint die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verwischen.

Die beiden jungen Spanierinnen befinden sich im Innenraum eines Gebäudes, dessen Interieur verborgen bleibt. Auf den Fensterrahmen gestützt, der gleichzeitig als Bildbegrenzung dient, blickt die Jüngere der beiden keck lächelnd aus dem Gemälde heraus. Sie trägt ein schulterfreies helles Kleid, ihr Dekolleté ist mit einer roten Blume geschmückt. Zu ihrer linken Seite blickt die zweite Dame hinter einem Fensterflügel hervor. Sie verdeckt ihre lachende Miene mit einem gräulichen Tuch, welches gleichzeitig einen Teil ihrer Haare verhüllt. Auch sie trägt ein schlichtes Gewand.

Dennoch sollte es dem Betrachter schwerfallen, beide Frauen in die bürgerliche Gesellschaft ihrer Zeit einzuordnen. Das entblößte Haupt und die unbedeckten Schultern des Mädchens weisen eine ungewöhnliche Freizügigkeit auf, die noch im 17. Jahrhundert großes Aufsehen erregt hätte. Doch nicht nur ihr offenherziges Auftreten, auch der spanische Titel Las Gallegas, welcher sich mit die Galizierinnen übersetzen lässt, weist auf eine Zugehörigkeit der Frauen in das Kurtisanenmilieu hin. Diesem gehörten in Sevilla zahlreiche Galizierinnen an, die aufgrund schlechter Lebensbedingungen zum Arbeiten in die Stadt gekommen waren.

Darüber hinaus könnte das Gemälde als Inspirationsquelle für das berühmte Meisterwerk Maja und Celestina auf einem Balkon (1808-1812), von Francisco de Goya, gedient haben. Auch auf dem wesentlich später entstandenen Werk sind zwei Frauen in typisch spanischer Trachtenkleidung bei geöffnetem Fenster zu sehen. Eine große Ähnlichkeit beider Gemälde findet sich in dem lasziven Blick, mit dem das junge Mädchen dem Betrachter begegnet. Die Ältere kann auf Goyas Werk eindeutig als Kupplerin identifiziert werden.

Im Œuvres des spanischen Malers Bartolomé Esteban Murillo, der seinerzeit insbesondere für die Darstellung christlicher Motive bekannt war, nehmen die Genrebilder eine besondere Stellung ein. Die lediglich etwa 25 Gemälde sind ausnahmslos außerhalb von Spanien zu finden. Sie waren insbesondere bei ausländischen Kaufläuten beliebt und verschafften dem Künstler großes internationales Ansehen.

© the artinspector / julia kynast

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