Diego Velázquez - Der WasserträgerÖl auf Leinwand, 1618,  130 x 173 cm, Wellington Museum in London

Tags: 17. Jahrhundert Diego Velázquez Spanien Spanische Malerei Barock Mythologie

Verewigte Augenblicke

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zum berühmten Gemälde 'Der Wasserträger' von Diego Velázqzuez!

Diego Velázquez — Der Wasserträger

Als Diego Velazquez 1599 in Sevilla geboren wurde, hatte die Hauptstadt der südspanischen Region Andalusien die größte Bevölkerungsdichte Europas und war somit ein lebendiger Umschlagplatz. Eine bunt gemischt Stadt als Tor zur alten und zur neuen Welt, in der Neuheiten, Kuriositäten und Kunstwerke aufeinander treffen. Schon in seinen frühen Arbeiten lässt die besondere Technik das Ausnahmetalent erkennen. Velázquez’ Malerei ist sinnlich und geheimnisvoll, wodurch er seinen Meister Pacheco del Río umgehend nach seiner Ausbildung hinter sich lässt. Die Auswahl seiner Motive erscheinen zunächst nicht besonders originell. Er widmet sich religiösen Darstellungen, so wie viele andere Künstler auch. Was ihn aber von den Anderen unterscheidet ist sein Gespür für Licht und Komposition. Der Wasserträger von Sevilla erzählt vom Alltag in der andalusischen Metropole.

Doch geht die Erzählung des Gemälde weit über das Alltäglich hinaus. Markant positioniert sich der bauchige Tontopf in der unteren Bildhälfte. Seine ausladende konvexe Form schiebt sich bis an die Bildkante und ist im Vergleich zum Hintergrund intensiv beleuchtet. Einzeln tropft das frische Wasser über das unebene Gefäß. Als zentrale Figur gibt sich der Wasserverkäufer zu erkennen. Ein alter Mann im zerrissenen Umhang, der einen Glaskelch reicht. Der Wasserverkauf war damals im Sommer eine Notwendigkeit, weil die öffentlichen Brunnen oft versiegten und das Wasser aus ihnen nie so erfrischend war, wie das der Strassenhändler. Das Wasser wurde in Tonkrügen kühl gehalten und oft mit Feigen oder Kräutern aromatisiert. Ein elegant gekleideter Jüngling, offenbar von höherem Stand, verlangt nach dem Wasser und greift danach. Obwohl sich beide Figuren in Aktion miteinander zeigen, schauen sie weder sich noch das Glas an. Beide scheinen tagträumend in sich versunken zu sein. Die beiden Figuren scheinen unterschiedlich nicht sein zu können. Hier liegt das Wesentliche im Gewöhnlichen. Velázquez zeigt, dass ein zerbeulter Krug verlockend erscheinen kann.

Ohne große Ausschmückungen gewinnt sein Motive an erstaunlicher Präsenz. Velázquez stellt die bescheidenen Dinge des Lebens mit einer außergewöhnlichen Natürlichkeit dar. Das auf dem ersten Blick banale Sujet gilt als Velázquez erstes großes Meisterwerk, denn bereits hier tritt sein Ausnahmetalent deutlich zu Tage. Unser Blick wird sofort von dem Profil des Wasserträgers angezogen und wird von dort wie automatisch zum Krug gelenkt, der ganz im Vordergrund zu sehen ist. Aber kaum konzentrieren wir uns auf diesen Krug und all die illusionistischen Details wie die Tropfen und Rillen auf der Keramik, fängt unser Blick auch schon an in dem Gemälde umherzuwandern, wir vergleichen die Materialien miteinander, die Härte des Kruges mit der Zerbrechlichkeit des Glases und dann wenden wir uns den Blicken der abgebildeten Personen zu und erkennen, das auch die Blicke der abgebildeten Personen wandern. Mit diesem Gemälde entwickelt Velázquez eine neue Dramaturgie. Der Künstler wird zum Agitator und hält die Betrachter für eine gewisse Zeit regelrecht gefangen, wodurch seine Wirkung über die Begrenzung der Leinwand hinaus geht. Mit nur wenigen Mitteln, wie eine sehr reduzierten Farbpalette aus Ocker, braun und Gelb in allen Schattierungen, erzielt Velázquez erstaunliche Effekte. Durch die sehr feinen Pinselstriche verleiht er dem Weiß einen gleißende Präsenz. So wird mit Malerei der Augenblick und das erhabene Moment der Materialität verewigt.

Das zentrale Moment des Bildes ist die Geste der zwei Hände. Der alte Mann, der den Glaskelch reicht und der Jüngling, der ihn entgegen nimmt. Gut getarnt vor dem dunklen Gewand des Knaben, schwimmt eine Feige im gefüllten Glas. Eine mysteriöse Frucht voller Symbolkraft, um die sich Mythen und Legenden ranken. In der Antike galt der Feigenbaum als Symbol der Fruchtbarkeit, der Sinnenfreude, des Überflusses, des Reichtums und vielfältiger erotischer Aspekte. Dante stellte in seinem "Inferno" da, wie hoch geschätzt die Feige in Italien war. Der Feigenbaum ist ihm Metapher der menschlichen Entwicklung zum Guten, des Guten an sich. Überreicht der Alte dem Jungen die Frucht der Erkenntnis? Im neunen Testament ist die Frucht der Erkenntnis der Apfel, im alten Testament aber ist es eine Feige. Die dritte Figur, die in der Dunkelheit beinahe verschwindet, scheint älter als der Knabe, aber jünger als der Wasserträger zu sein. Er ist schon dabei seinen Durst zu stillen. Ein bewundernswertes Spiel mit Transparenz und Kontrasten. Zu Zeiten des sich rasant entwickelnden Barock, die sukzessive Überfüllung durch Farbe, Ornamente und Schmuck, besticht Velázquez durch eine gewisse Nüchternheit.

In seinen Gemälden ist nichts überflüssiges enthalten. Er hält den Aufbau der Bilder bewusst klar und frei, wodurch er unsere Aufmerksamkeit auf simplen und seltenen Elemente lenkt. Auf diese Weise scheint er die Zeit anzuhalten und eine perfekte Momentaufnahme abzubilden. So verleiht er seinen Kompositionen einen unglaublichen Charme. Als Velázquez an den spanischen Königshof befohlen wird, um das Porträt Philipp IV. zu malen, erkennt der König sein Talent. Der König muss nicht schön sein, er muss nicht gefallen, er muss glorreich sein. Die Bedeutung Velazquez in der Kunstgeschichte wird nur einmal mehr durch Kommentare andere Künstler bestätigt. Manet bezeichnete ihn als „den Maler der Maler“. Wenn man sich seine Bilder ganz genau ansieht, so erkennt man in diesem Widerstreit der Pinselstriche bereits erste Anflüge des Impressionismus.

© the artinspector / lucie klysch