Ernst Ludwig Kirchner - Eisenbahnüberführung Löbtauer StraßeÖl auf Leinwand, 1910/26, 70,5 x 90,5cm, Galerie Neue Meister in Dresden

Tags: 20. Jahrhundert Ernst Ludwig Kirchner Deutschland Dresden Die Brücke Expressionismus

In des Künstlers Umgebung

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation des berühmten Gemäldes 'Eisenbahnüberführung Löbtauer Straße' von Ernst Ludwig Kirchner!

Ernst Ludwig Kirchner — Eisenbahnüberführung Löbtauer Straße

Eine der berühmtesten Künstlergruppen Anfang des 20. Jahrhunderts war die künstlerische Vereinigung Die Brücke. Neben Karl Schmidt-Rotluff, Fritz Bleyl, Erich Heckel war Ernst Ludwig Kirchner einer der expressionistischen Hauptvertreter und Mitbegründer der Gruppe. Sein Werk «Eisenbahnüberführung Löbtauer Straße» kann als Repräsentation des kollektiven Brücke-Stils gesehen werden. Es zeigt den Blick durch eine Eisenbahnbrücke auf das Eckgebäude vor einer abzweigenden Straße im Stadtteil Dresden Friedrichstadt, wo sich auch das Atelier des Künstlers befand. 

Kirchner spielt hier mit den Perspektiven. So ist die Eisenbahnbrücke, die als rahmendes Element dient, in einer Untersicht zu sehen, während das Eckhaus in einer Draufsicht wahrgenommen wird. Dabei darf die verschobenen Perspektive nicht auf zeichnerisches Unvermögen zurück geführt werden, sondern auf bewusste Anordnung. Kirchner hatte zuvor ein Architekturstudium in Dresden absolviert und war geübt in architektonischem Zeichnen. Sein Können zeigt sich auch daran, dass trotz Abstraktion und flächiger Malweise architektonische Details nicht ausgelassen werden, wie zum Beispiel die genaue Ausarbeitung der Stahlkonstruktion der Eisenbahnbrücke. 

Den Brücke-Künstlern ging es nicht um die genaue Abbildung der Wirklichkeit, sondern um die Realisierung von Dynamik, Bewegung und Rhythmus. Dies wird im vorliegenden Bild auch noch einmal verstärkt durch die schwungvoll gezeichneten Umrisslinien, welche vor allem an den Bordsteinkanten zu sehen sind. Die emotional angelegten, ausdrucksstarken Farben werden zu Flächenverbänden zusammengelegt und verstärken die fehlende Bildtiefe. 

Die wenigen Personen auf dem Gemälde wirken isoliert und starr. Sie könnten Hauptfiguren einer zeitgenössischen Dichtung sein und stehen für die Entfremdung der Menschen in der Großstadt. 

© the artinspector / laura gerstmann