Francisco de Goya y Lucientes - Lazarillo de TormesÖl auf Leinwand, ca. 1808 - 1810, Privatbesitz

Tags: 19. Jahrhundert Spanien Spanische Kunst Barock

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Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zum berühmten Gemälde 'Lazarillo de Tormes' von Francisco de Goya!

Francisco de Goya — Lazarillo de Tormes

Für dieses Gemälde ließ sich der spanische Maler Francisco de Goya mutmaßlich von dem bedeutenden Schelmenroman «Lazarillo de Tormes» inspirieren, der 1554 anonym veröffentlicht wurde. Der Roman, welcher zeitweise in Spanien verboten war, thematisiert den Lebensweg des anfangs noch sehr jungen Lazarillos, der sich aufgrund seiner niederen Herkunft als Diener verschiedener Herren durchs Leben schlagen muss. Dabei arbeitet er unter anderem für einen blinden Bettler, einen verarmten Adligen sowie einen korrupten Ablasshändler. In einzelnen Episoden wird mit satirischer Schärfe und aus der Ich- Perspektive beschrieben, wie das Dasein des Lazarillos vom immerwährenden Kampf ums Überleben sowie dem ständigen Gefühl des Hungerns geprägt ist. Insbesondere setzt ihm jedoch die Niedertracht seiner Mitmenschen zu.

Eine Begebenheit erzählt, wie der Junge über dem offenen Feuer eine Schlackwurst für seinen blinden Herrn braten soll. Der überaus hungrige Lazarillo tauscht die Wurst jedoch gegen eine schrumpelige Rübe aus und erfreut sich selbst an dem spontanen Mahl. Als der Blinde das Vergehen bemerkt, zeigt er sich äußerst erbost und begibt sich, trotz der Unschuldsbeteuerungen des Jungen, auf die Suche nach seinem verschluckten Abendessen. Diese grotesk anmutende Szene wählte Goya für sein Gemälde. Auf diesem erhellt in nächtlicher Umgebung ein Feuer beide Protagonisten. Der Herr, ein Mann mittleren Alters, hält den Jungen zwischen seine Beine geklemmt und mit festem Griff im Nacken gepackt. Zwei Finger der rechten Hand steckt er dem Unglückseligen in den Rachen, um so nach dem Verbleib seiner Wurst zu forschen. Beide tragen zerrissene und stark verschmutzte Gewänder, welche sie als Bettler identifizieren. Ihre abgenutzten Kleider bedecken dabei kaum die bloße Haut. Die geschlossenen Augen des Herrn weisen auf dessen Blindheit hin und bringen ihn dadurch mit dem Topos des „würdigen Armen“ in Verbindung.

Noch im 16. Jahrhundert legitimierten körperliche Einschränkungen, wozu die fehlende Sehkraft zählte, die Tätigkeit des Bettelns. So sind beide Protagonisten lediglich durch ihre äußeren Umstände miteinander verbunden, während darüber hinaus die Kontraste zwischen Alt und Jung sowie sehend und blind das Bild dominieren. Das Gemälde befand sich zeitweise in der Sammlung des spanischen Mediziners Marañon, wo es unter dem Titel «El Garrotillo» (die Diphterie) bekannt wurde, einer hochansteckenden Infektionskrankheit an der noch im 19. Jahrhundert tausende Kinder starben. Dass hier jedoch keine rettende Halsoperation dargestellt ist, konnte die Forschung mittlerweile nachweisen.

© the artinspector / julia kynast