Hans Baldung Grien - Maria mit dem PapageiÖl auf Lindenholz, 1533, 91,5 x 63,3 cm, Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg

Tags: 16. Jahrhundert Deutschland Deutsche Malerei Renaissance

Das soll Jesus sein?

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zu dem berühmten Gemälde 'Maria mit dem Papagei' von Hans Baldung Grien!

Hans Baldung Grien - Maria mit dem Papagei

Bei dem Gemälde „Maria mit dem Papagei“ von Hans Baldung Grien handelt es sich um ein unkonventionelles Schlüsselwerk.

Die Tafel aus Lindenholz zeigt die lebensgroße Maria mit dem Jesuskind im Arm. Es befinden sich außerdem ein geflügelter Putto und zwei Vögel im Vordergrund. Maria steht hinter einer fensterartigen Öffnung aus Stein, die am linken und am unteren Bildrand zu sehen ist. Das steinerne Gesims bietet dem Betrachter, obwohl er die intime Szene offen mitansehen kann, eine gewisse Distanz, die er nicht zu überwinden mag. Das nackte Jesuskind sitzt auf einem ausgebreiteten roten Tuch, das auf der steinernen Brüstung liegt, auf Brusthöhe vor ihr. Die Personengruppe steht vor einem unbeleuchteten Hintergrund, der von einem dunklen Vorhang nach oben hin abgeschlossen ist. Damit ist der Ort, an dem die Szene stattfindet, nicht näher zu identifizieren.

Maria ist etwa bis zu ihrer Hüfte sichtbar und trägt ein dunkelblaues Kleid aus einem dicken Samtstoff. Der heruntergezogene Halsausschnitt legt ihre linke Brust frei, sodass relativ viel von ihrer nackten und sehr hellen Haut dem Betrachter sichtbar wird. Den Kopf hält sie leicht nach links, den Oberkörper nach eher rechts gewandt. Dabei schaut sie den Betrachter offen und entspannt auf eine geheimnisvolle und leicht neckische, aber dennoch zurückhaltende Art und Weise an. Mit ihrer linken Hand scheint sie das Jesuskind durch den Stoff ihres Kleides hindurch zu stützen, während sie mit ihrer rechten Hand ihre nackte Brust direkt berührt. Sie trägt eine Perlenkette um den Hals und einen Schmuckreif im Haar. Das rötliche Haar scheint, im Nacken zusammengebunden zu sein und hängt gewellt über ihre rechte Schulter. Die auffallend helle Haut ist ebenmäßig glatt, ihr Gesicht wunderschön.

Auf Marias linker Schulter sitzt ein ausgewachsener Graupapagei mit leuchtend roter Schwanzspitze. Er knappt Maria mit seinem Schnabel in den ihm hingehaltenen Hals.

Das Jesuskind ist als Kleinkind von etwa einem Jahr mit Nimbus dargestellt. Es sitzt aufrecht und setzt zum Trinken an oder ab. Es hält die Brustwarze seiner Mutter noch oder schon zwischen seinen Lippen und schaut dabei durchdringlich den Betrachter an. Eine sehr ungewöhnliche Szene. Zu seinen Füßen sitzt ein grüner Sittich auf der steinernen Fensterbank, dessen Blick das Kind trifft.

Ein Putto, ausgestattet mit Flügeln, schaut der Maria über die rechte Schulter ins Gesicht. Er befindet sich mit ihr zusammen unter dem kaum sichtbaren Schleier.

Offensichtlich handelt es sich bei der Darstellung nicht um eine traditionelle religiöse Marienverehrung als Andachtsbild. Baldung verlässt den Pfad der Regelhaftigkeit und Perfektion seiner Zeit, die durch Dürer stark geprägt wurde. Stattdessen lässt er humanistische und reformationsgeprägte Einflüsse zu. Maria wird hier zwar als Heilige, jedoch auch als Frau dargestellt. Die weibliche Schönheit und die damit verbundene potentielle Macht über den Mann und die Angst vor dem Verlust der Kontrolle bildet sich in Baldungs Zeit mit der Hexenverfolgung aus und könnte ansatzweise in diesem Gemälde eine Rolle spielen und den Maler dazu inspiriert haben auch Maria aus ihrer gewohnten Rolle in der Abbildung ausbrechen zu lassen.

Die Konnotation des Papageis könnte dem Betrachter bei der Interpretation des Bildes behilflich sein. Der Bildtitel „Maria mit dem Papagei“ macht hierbei auf seine Wichtigkeit aufmerksam. Die Vogelgestalt ist im Mittelalter durchaus in Verbindung dem Bildtypus der Madonna mit dem Kind zu finden.(1) Vogelgefieder ist genauso schmutzabweisend wie die „weiße Weste“ der Maria. Baldung wählte den Sittich als Vogel-Bildbeigabe bewusst, denn den Sittich umgibt eine ähnlich ambivalente Deutung wie die abgebildete Maria. Er steht als Exot für unnahbaren Reichtum, gleichzeitig jedoch bildet er eine Verbindung zum Paradies und dem Sündenfall. Eine auch in der mittelalterlichen Tafelmalerei maßgebliche Funktion, die der Vogel innehat, ist die des Schicksalskünders.(2) Das Gemälde Baldungs spiegelt hier am Beispiel der Maria die Stimmung gegenüber der Frau der damaligen Zeit wieder. Eine Mischung aus Angst, Bedrohung und Verehrung.

 

1 Roth-Bojadzhiev, Gertrud: Studien zur Bedeutung der Vögel in der mittelelaterlichen Tafelmalerei, Köln, 1985, S. 18.

2 Roth-Bojadzhiev, Gertrud, 1985, (siehe Anm. 48), S. 53.

© the artinspector / liliane baab