Jan Vermeer - Die PerlenwägerinÖl auf Leinwand, 1662-1664, 42,5 × 38 cm , National Gallery of Art in Washington D.C.

Tags: 17. Jahrhundert Jan Vermeer Genremalerei Niederlande Barock

In der Ruhe liegt die Kraft!

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zu dem berühmten Gemälde 'Die Perlenwägerin' von Jan Vermeer!

Jan Vermeer — die Perlenwägerin

Der erste Blick beim Betrachten dieses Werkes von Jan Vermeer wandert sofort zur Waage als Bildmittelpunkt. Dieses Instrument ist so zart und feingliedrig, dass schon ein kleiner Lufthauch sie sofort in Bewegung versetzen würde. Die Waage behutsam austarierend, stützt sich die junge Perlenwägerin – vielleicht um die für das Wiegen nötige innere Ruhe zu finden – mit der linken Hand an der Tischplatte ab. Auf dem Tisch vor ihr sehen wir für Vermeer typisch zusammengeraffte Stoffe, hinter denen Werkzeuge und Perlenketten auf einem Tisch für den Vorgang des Abwiegens bereit liegen.

Im rechten, oberen Bildteil blicken wir auf eine apokalyptische Szene des Jüngsten Gerichts, das möglicherweise Teil eines größeren Altarbildes ist. Werfen wir einen näheren Blick auf die Waage der Perlenwägerin: In der christlichen Ikonografie gilt die Seelenwaage als Attribut des Erzengels Michael. Er wägt Gut und Böse ab, um am Sterbetag vor dem Jüngsten Gericht die guten und schlechten Taten eines jeden Menschen vorzulegen. Dieses Verzeichnis entscheidet dann über den Weg ins Paradies oder in die ewige Verdammnis.

Es fällt auf, dass die Perlenwägerin selbst keinerlei Schmuck, Ohrringe oder Perlenketten als Symbol der Eitelkeit trägt, während eine züchtige Haube ihr Haar verdeckt. Der kurze Mantel ist in einem Dunkelblau gehalten, welches fast etwas Königliches an sich hat. Und ihre Waagschalen sind leer. Vermeer hinterlässt in diesem Werk einen moralischen Fingerzeig und die kunsthistorische Forschung deutet ihn als eine Entscheidung der jungen Frau gegen irdischen Verlockungen wie die Eitelkeit. Sie hat sich bereits für das ewige Leben symbolisiert im Gemälde des Jüngsten Gerichts hinter ihr entschieden.

Das rechte Maß halten, sich von weltlichen Genüssen nicht ablenken zu lassen und zur inneren Balance finden – die Perlenwägerin kann dem Tag des Jüngsten Gericht souverän entgegenblicken.

© the artinspector / sylvi weidlich