Jan Vermeer - Schlafendes MädchenÖl auf Leinwand, 1657, 87,6 × 76,5 cm , Metropolitan Museum of Art in New York

Tags: 17. Jahrhundert Jan Vermeer Genremalerei Niederlande Barock

Liebeskummer?

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zu dem berühmten Gemälde 'Schlafendes Mädchen' von Jan Vermeer!

Jan Vermeer — Schlafendes Mädchen

Die linke Hand des vielleicht eben erst eingenickten Mädchens liegt müde auf einem Tisch, auf dem sich kostbare Teppiche fast wie ein Schutzschild gegen allzu neugierige Blicke auftürmen. Während der obere Teil des Zimmers im Halbschatten liegt, rückt eine im Bild nicht sichtbare Lichtquelle das Mädchen sachte in den Mittelpunkt des Werkes.

Im gleichen Jahr wie die Briefleserin am offenen Fenster entstanden, gestattet uns Jan Vermeer 1657 einen Blick durch ein Guckloch in ein Delft des 17. Jahrhunderts. Doch anders als bei der Briefleserin, bei der wir nur einen Raum sehen, arbeitet Vermeer hier mit einem besonderen Mittel für Raumtiefe: einer offenen Tür mit einem dahinter liegenden Zimmer. Dabei verzichtet er auf aufdringliche Einrichtungsdetails. In zarten Beige- und Brauntönen gehalten, setzen sich die Zimmerinhalte von den prächtigen Teppichen und der Schlafenden in den Hintergrund ab.

Hat der Inhalt des fast geleerten Weinglases die Wangen des Mädchens so erröten lassen? Schläft sie möglicherweise gar nicht, sondern ist melancholisch in sich gekehrt? Oder haben wir es hier mit einer faulen Magd zu tun, die sich nur kurz von ihrer anstrengenden Arbeit  weggestohlen hat?

Der Forschungsstand der Kunstgeschichte sieht in der Darstellung des schlafenden Mädchens eine Verbindung zu einem der sieben Hauptlaster: der Trägheit (acedia). Dafür spräche die Müdigkeit und der Kopf, der gleich am aufgestellten Arm entlangzugleiten droht, als Folge des Alkoholgenusses sowie der unordentlich zusammengeschobene Teppich. Vermeer bleibt uns eine finale Antwort schuldig.

Doch lässt er den Betrachter nicht ganz im Dunklen tappen: Nur auf den zweiten Blick ersichtlich, schiebt sich aus der linken, oberen Bildhälfte ein Gemälde aus dem Werk, das uns ein Bein und eine zu Boden gefallene Maske offenbart. Laut Hajo Düchting handelt es vom Betrug in der Liebe. Ob die Schlafende Betrügerin oder Betrogene ist, bleibt jedoch unserer Fantasie überlassen.

© the artinspector / sylvi weidlich