Peter Paul Rubens - Der Tod des SenecaÖl auf Holz, 1612/1613, 185 x 154,7 cm, Alte Pinakothek in Berlin

Tags: 17. Jahrhundert Niederlande Niederländische Malerei Antike Barock Rubens

Aufrecht noch im Tod!

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zum berühmten Gemälde 'Der Tod des Seneca' von Peter Paul Rubens!

Peter Paul Rubens – Der Tod des Seneca 

Ein Bote des Kaisers Nero erscheint am Hause Senecas und fragt ihn, ob auch er von der Pisonischen Verschwörung gewusst hat – Seneca gibt das zwar nicht zu, ist aber so unbeeindruckt von den Machtgebärden des Kaisers, so ohne Angst und Wut, dass Nero einen weiteren Befehl erteilt – Seneca soll sich selbst das Leben nehmen. Mit stoischer Gelassenheit nimmt Seneca den Befehl hin. Er ist er gerade mit seiner Frau und einigen Freunden bei Tisch. Seine Gattin und bereits zweite Ehefrau, Pompeia Paulina, will sich ebenso das Leben nehmen – eine Entscheidung, die Seneca als heldenhaft empfindet. Nero aber, der üble Nachrede vermeiden will, kann ihren Tod im letzten Moment verhindert wissen.

Seneca, Philosoph und Politiker der Antike , war auch ein Vetrauter und Lehrer Neros. Auf diesen versuchte er zeitlebens seinen Einfluss geltend zu machen, was jedoch nicht immer auf dessen Gegenliebe stieß. Der Regierungsstil des Kaisers wurde vom Senat zunehmend als grausam und tyrannisch empfunden, so dass diese einen Mordversuch planten. Als eine Freigelassener des Senators Flavius Sceanius diese Verschwörung zu ahnen begann, verkaufte er seine Beobachtungen an den Kaiser. Im Zuge der Befragungen von Verdächtigen wurde auch Senecas Name genannt. Die Beschreibungen des antiken Schreibers Tacitus, der das Geschehen recht genau beobachtet hat, lassen vermuten, dass es Nero sogar gelegen kann, Seneca aus dem Weg zu räumen.

Für den Philosophen selbst ist es nicht die erste Auseinandersetzung mit dem Tod, denn Seneca hat bereits seit jungen Jahren Atemnot und sich eingängig mit dem Sterben beschäftigt. Er gehört zu den Stoikern – seine „stoische“, ja sogar heitere Haltung dem Tod gegenüber ist durch seine eigenen Briefe gut belegt. Drei Versuche soll es kosten, bis er endlich sterben darf. Zuerst schneidet er sich die Pulsadern auf – das Blut fließt aber zu träge durch den alten Körper, so dass es nicht recht gelingen will. Dann lässt er sich von einem befreundeten Arzt den Schierlingsbecher mit Gift reichen, er steigt in ein Bassin mit heißem Wasser, um den Blutfluss zu beschleunigen und schließlich lässt er sich in ein Dampfbad tragen, und erstickt dort. Die Methode, Blut mit warmen Wasser schneller zum Fließen zu bringen, gibt es bereits im Mittelalter und nennt sich «Aderlass». Zum Zeitpunkt seines Todes ist er bereits 64 Jahre alt. Ein Testament wurde ihm von Nero verweigert. 

Rubens hat dieses ungewöhnliche Bildmotiv 1612 gemalt, einige Jahre nachdem er 1601 in Rom in der Villa Borghese eine antike Statue gesehen hatte, die man damals fälschlicherweise für den „sterbenden Seneca“ hielt (heute betrachtet man die Staute als „afrikanischen Fischer“). Er fertigte einige Zeichnungen dieser Statue an. Zusammen mit der Büste „Pseudo-Seneca“, die sich in Rubens eigenem Besitz befand, schuf er dieses Gemälde. Auch hier stammt der Name noch von einer ursprünglichen – inzwischen hinfälligen – Identifizierung des Kopfes als Seneca.

Selbstmord wird als heikles ethisches Thema auch in Literatur und Kunst sehr differenziert betrachtet: so gibt es den schandhaften Suizid, wie bspw. bei Judas, aber auch - wie in diesem Fall - eine heldenhafte Selbsttötung. Rubens zeigt hier einen geistig wie körperlich aufrechten Tod, der in Wahrheit so nicht stattgefunden hat. Vielmehr kombiniert Rubens hier einige historische Fakten mit christlicher Ikonografie: die frontale Draufsicht, das innere Leuchten des Körpers, die Augen gen Himmel gerichtet und das Zeigen der Wundmale sind Elemente, die wir aus anderen Kontexten gut kennen. Vor allem die Komposition eines Mannes einer dreiviertel-Figur erinnert an das feststehende Bildmotiv des „Schmerzensmannes“. Auch erinnert diese Darstellung an Märtyrer des Christentums.

Der Junge, der links unten im Bild die letzten Worte Senecas aufschreiben will, deutet mit den Buchstaben „vir“ - das Wort „virtus / Tugend“ an. Er steht in der Tradition der Jünger, die oft in Bildern beim Empfangen der göttlichen Nachricht zu sehen sind. Wach und aufmerksam, um alls, was ihnen eingegeben wird, sofort aufzuschreiben. Der Mann dahinter mit Lange sowie das Lendentuch sind Motive der Passion Christi, ebenso wie das Blut, das in einem Kelch gesammelt wird.

© the artinspector / alexandra tuschka