Peter Paul Rubens - Raub der Töchter des LeukipposÖl auf Leinwand, um 1618, 224 x 210,5 cm, Alte Pinakothek in München

Tags: 16. Jahrhundert Peter Paul Rubens Mythologie Niederlande Flämische Malerei Barock

Finger weg!

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zu dem berühmten Gemälde 'Raub der Töchter des Leukippos' von Peter Paul Rubens!

Peter Paul Rubens - Raub der Töchter des Leukippos

Es gibt für den Mythos des Frauenraubes, den wir hier sehen, viele Varianten. Rubens bezieht sich auf folgende: Kastor und Pollux, ihrerseits Söhne von Leda und Zeus (der sich für diese Vereinigung in einen Schwan verwandelte), rauben die Töchter des Königs Leukippos von Argos. Diese standen wiederum kurz vor ihrer Hochzeit. Sie heißen Hilaeira und Phoibe. Castor, der Rossbändiger, sitzt auf einem Pferd und nimmt eine der Frauen in Empfang. Pollux, der Boxkämpfer, ist rechts angeordnet. Er ist, laut der bekanntesten Überlieferung, im Gegensatz zu seinem Bruder, unsterblicher Natur. Die beiden Frauen erscheinen gegeneinander austauschbar und sind ohne Attribute ausgestattet. Die Pferde bringen die animalische Kraft ins Bild und steigern die Dynamik der Szene. Der Schimmel steigt hoch und rahmt die Szene im Vordergrund ein. Ein kleiner Putti mit schwarzen Flügeln begleitet die Szene und hält sich am zweiten Pferd fest. 

Die gesamte Komposition wirkt blockartig und dennoch bewegt. Die beiden Frauenkörper sind wie diagonal gespiegelt. Sie sind nur durch ein weißes Stück Stoff voneinander getrennt. Sie sind von hellerer Hautfarbe, haben blondes Haar. Der seidene Stoff ist in seiner Materialität von Rubens toll eingefangen. Der Stoff ist herabgefallen und liegt auf dem Boden. Mit einer Hand hat Pollux ein Mädchen unter der Achsel ergriffen. Ihre königliche Herkunft verrät auch das Goldarmband neben seiner Hand. Das Thema der Entführung war ein willkommenes Sujet, um wohlbeleibte «Rubensfrauen» in dramatischen, sich windenden Bewegungen zu zeigen. 

Das Bildformat ist nahezu quadratisch. Dennoch schafft es Rubens meisterhaft, das Format dynamisch und formatfüllend herausuzarbeiten. Im Hintergrund sehen wir Wind, Wolken, Baumwipfel und Landschaft in kräftigen Farben, die an Tizian erinnern. 

Obwohl die beiden Männer «Dioskuren» — also «Söhne des Zeus» heißen, stammen sie von verschiedenen Vätern. Der eine aus der Zusammenkunft mit Zeus (daher unsterblich, da ein Halbgott); der andere aus der Zusammenkunft mit dem Ehemann der Mutter in derselben Nacht. Es gibt andere Überlieferungen, nach denen beide echte Zwillinge sind. Rubens jedoch macht durch die unterschiedliche Darstellung deutlich, dass er einen Unterschied in der Rollenverteilung beider Männer erkennt. Diese Unterscheidung hat in der jüngeren Forschung dazu Anlass gegeben, gar in Frage zu stellen, ob hier nicht eher der (fast gewöhnliche) «Raub der Sabinnerinnen» zu sehen sei. 

© the artinspector / alexandra tuschka