Roelant Savery - Orpheus unter den TierenÖl auf Leinwand, 1610, Städel Museum in Frankfurt

Tags: 17. Jahrhundert Niederlande Niederländische Malerei Mythologie

Wie im Paradies!

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zum berühmten Gemälde 'Orpheus unter den Tieren' von Roelant Savery!

Roelant Savery — Orpheus unter den Tieren

Die Zeit um die Jahrhundertwende vom 16. zum 17. Jahrhundert war politisch wie auch künstlerisch einigen Veränderungen unterworfen. Nicht zuletzt betraf dies vor allem die niederländische Kunst und deren zahlreiche Künstlern. Unter jenen sticht der holländische Landschafts-, Tier- und Blumenmaler Roelant Savery hervor. Savery wurde 1576 in Kortrijk / Courtrai (Belgien) geboren und verstarb 1639 in Utrecht (Niederlande). Er war Schüler seines Bruder Jacob Savery, welcher bei Hans Bol gelernt hatte.

Roelant Savery wirkte seit 1591 in Amsterdam und ging ab Ende 1603 nach Prag, wo er als Hofmaler für Rudolf II. tätig war. Dieser war seit 1576 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation und hatte den Regierungssitz von Wien in die nunmehr aufstrebende Metropole Prag verlegt. Er regierte dort bis zu seinem Tode im Jahre 1612. So lange war auch Savery für ihn auf der Prager Hofburg tätig. In dieser Zeit entstanden unzählige Landschaftsdarstellungen, wie auch seine berühmten Tierbilder, denen er sich mit großem Interesse widmete. Die kaiserlichen Ställe mit den prächtigen Pferden und der Löwenhof, in dem verschiedene exotische (Raub-)Tiere gehalten wurden, lieferten ihm hierfür Modelle.(1) Auf der Grundlage dieser Studien entstanden seine Orpheus- und Paradiesdarstellungen. Zwei Kompositionen, denen er sich auch dann noch widmete, als er Prag nach dem Tode Rudolf II. wieder verließ. Ab 1614 war er dann als Hofmaler in Wien für Kaiser Matthias, dem Bruder von Rudolf II. tätig.

Vor allem jene Bilder, in denen scheinbar das gesamte Tierreich und die ordnende Macht abgebildet werden, zeugen von enzyklopädischen Charakter. Hierzu zählen vor allem die Orpheusdarstellungen. Orpheus war ein dem griechischen Mythos entstammender Sänger. Seine Eltern waren vermutlich der Thraker Oiagros und die Muse Kalliope.(2) Orpheus, der als Heros der Musik galt, wurden zugleich Wunderkräfte zugesprochen. Durch die Macht seiner Musik, sowohl im Gesang, wie auch im Saitenspiel ruft er eine Eintracht der Tiere im Sinne eines irdischen Friedens hevor. Er steht für die versöhnende Macht der Kunst.(3) Um 1600 herum finden sich zwei Themen der flämischen Kunst: entweder wird Orpheus als guter Hirte inmitten zweier Lämmer mit der Leier gezeigt oder dem griechisch-römischen Mythos entlehnt - inmitten wilder Tiere, die Leier spielend. Diese ähneln sich meist stark im Bildaufbau. Orpheus befindet sich inmitten der Tiere, meist nahe einem Baum. Hier folgt ein Wechselspiel von Licht und Schatten, wobei Pflanzen und Bäume eher im Schatten gezeigt werden, die Tiere dagegen fast schon vom Licht angestrahlt erscheinen. Es werden Tiere unterschiedlichster Arten gezeigt, die in der freien Wildbahn eher nicht nebeneinander leben würden, hier aber in einer Eintracht, in Frieden zu leben scheinen. „Blickt man hier zur der Rudolfinischen Wissenschaft, so sieht man: das Weltgeschehen ist eine große Musik, von Gott geordnet, und der Mensch hat die Aufgabe, sich harmonisch einzufügen.“ (4) Die Gelehrten im rudolfinischen Kreis waren gebildet und belesen und mit diesem Wissen scheinen auch die Paradiesdarstellungen betrachtet worden zu sein. Im Vergleich zu den Orpheusdarstellungen wimmelt es in den Paradiesdarstellungen Saverys an noch mehr an Tieren, die sich am Boden so wie in den Bäumen und in der Luft aufhalten. Vermutlich entstanden beide Bildthemen auf Wunsch des Kaisers hin, waren sie doch beide beliebte und bevorzugte Motive.

So findet sich auf dem Gemälde „Orpheus unter den Tieren“ Orpheus fast genau in der Bildmitte und hat sich auf einer Waldlichtung niedergelassen. Er ist in ein blaues Gewand gehüllt spielt auf der Leier. Er ist umgeben von mehreren Vögeln, die ihn zu umkreisen scheinen. Unter den Tieren befinden sich ebenso Säugetiere, darunter einheimische Arten sowie zahlreiche exotische Tiere, darunter Elefanten, Dromedare, Löwen und Pelikane. Die gesamte Lichtung wird von Tieren besiedelt, die friedlich nebeneinander rasten und grasen oder einander anblicken.

Savery hatte die Möglichkeit in den Menagerien unter anderen seltenen Vogel- und Tierarten in lebendiger Weise zu betrachten und ihre Physiognomie auf Papier zu bringen. Daher sind seine dargestellten Tiere detailgetreu und auch naturalistisch wiedergegeben, jedoch wirkt gerade die Unmenge an unterschiedlichsten Tierarten - vor allem in den Orpheus- und Paradiesdarstellungen - eher traumhaft und phantastisch und wenig realistisch. Es erscheint eher so, als versuche er eine Klassifikation der Tierarten vorzunehmen und den gesamten Artenreichtum in nur einem Gemälde wiederzugeben. Darüber hinaus projiziert er auch das Spiel von Licht und Schatten, wie bereits in der Landschaftsmalerei , nun auch auf die Tierdarstellungen. Die Tiere wirken vom Licht erhellt, die sie umgebende Natur wird in Schatten getaucht. Auch wendet er weiterhin die farbliche Unterteilung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund an.

Auch wenn sich der rudolfinische Kreis und die Kunstkammer nach 1612 nicht in ihrer ursprünglichen Form erhalten haben, so lebten sie in Inventaren, in Büchern, Musikstücken, Kupferstichen und Gemälden weiter. Roelant Savery hat einen kleinen Teil davon mit in seinen Bildern erhalten. Sie lassen erahnen, welch enzyklopädische Fülle an Naturalia sich in der Kunstkammer des Kaisers befunden haben muss und welche Kunstfertigkeiten Savery besaß, sie in so lebendiger Weise in seinen Gemälden darzustellen. Dies gilt vor allem für seine Blumenstillleben, wie auch für seine Tierdarstellungen. Ebenso schuf er für den Kaiser einen Makrokosmos der herrschaftlichen Umgebung in seinen Landschaftsdarstellungen. Waren seine Werke letztlich vor allem Auftragswerke, so verbergen sie keineswegs die niederländischen und vom Manierismus geprägten Wurzeln.

1 Vgl. Fucíková, Eliska; Werdau, Otto: Die Kunst am Hofe Rudolfs II. Hanau 1988. S. 135.

2 Vgl. Olbrich, Harald [Hg.] u.w.: Lexikon der Kunst. Bd. 5, S. 316.

3 Vgl. Olbrich, Harald [Hg.] u.w.: Lexikon der Kunst Bd. 5, S. 316f.

4 Trunz, Erich: Wissenschaft und Kunst im Kreise Kaiser Rudolfs II: 1576-1612. Neumünster 1992. S. 68.

© the artinspector / dr. stefanie meier-kaftan