Titian - Diana und AktaionÖl auf Leinwand, 1556 - 1569, 184,5 x 202,2 cm, Nationalgalerie in Edinburgh

Tags: 16. Jahrhundert Titian Italien Mythologie Italienische Malerei Renaissance Manierismus Südalpin

Uh la la!

Beschreibung

Bildbeschreibung und Interpretation zu dem berühmten Gemälde 'Diana und Aktaion' von Titian!

Titian — Diana und Aktaion

Was der Jäger Aktaion hier hinter dem Vorhang entdecken darf, ist nicht von schlechten Eltern! Eine Grotte, in der sich viele Nymphen baden... Sein Blick fällt auf eine, die sich von diesen unterscheidet — auf die jungfräuliche Jagdgöttin Diana. Diese versucht noch schnell, mit einem leichten Tuch ihren nackten Körper zu verdecken. Aber wenn Blicke töten könnten… Diana, die sich von keinem Mann je hat nackt ansehen lassen, befindet sich hier in einer demütigenden Situation. Dabei war es nicht mal böse Absicht von Aktaion, diese Stätte aufzusuchen und zu spähen und hätte er gewusst, wie grausam die Konsequenzen sein würden, hätte er sich das sicherlich verkniffen. Denn Diana wird, um ihren Ruf als jungfräuliche und keusche Gottheit nicht zu beschmutzen, den Jäger in einen Hirsch verwandeln. Seine eigenen Hunde werden ihn jagen und zerfleischen. 

Noch ist davon aber nichts zu sehen. Viel interessanter in dieser Szene ist der überraschende Moment, in dem Aktaion — noch in Schrittstellung — die Göttin beim Bade «erwischt». Einer seiner Hunde hat ihn ins Bild begleitet und spiegelt die Neugierde seines Herrchens durch seinen Blick. Auch symbolisiert er hier noch absoluten Gehorsam. Aktaion hat vor lauter Überraschung seinen Bogen fallen lassen, der Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken weist ihn aber eindeutig seinem Berufsstand zu. Womöglich erkennt er hier bereits, wen er vor sich hat und dass dieser Anblick etwas zutiefst verbotenes ist. Die Bewegtheit der Stoffe sowie das kleine, flatternde Band spiegeln seinen inneren Erregungszustand auch im Außen. Im Hintergrund sehen wir durch eine Maueröffnung womöglich die Dolomiten. 

Nur der kleine Wasserlauf des Brunnens trennt den jungen Mann von den insgesamt sieben Frauen, die ebenfalls durch ein Hündchen begleitet wurden. Sie sind in allerlei unterschiedlichen Ansichten zu sehen. Eine sitzende Frau, eine hockende Frau, eine, die sich bückt… Titian konnte seine varietá unter Beweis stellen — zeigen, dass er imstande war, ähnliche Körper variantenreich darzustellen. Das bezieht sich auch auf die Gesichter, die von überrascht zu kokett verschiedene Facetten der menschlichen Emotionen zeigen. Titian wählt hier eine Dreiecks-Komposition, deren Gipfel die Rückenfigur darstellt. Unter dieser steht eine Murano-Vase, die im Spiegel der Nymphe daneben reflektiert. Diana weist sich durch eine Krone aus, die Mondsichel verweist auf ihre weiteren Aufgaben als Göttin des Mondes. Zwei Dienerinnen umgeben sie. Eine, offenbar eine Afrikanerin, hilft Diana, sich zu bedecken. Die andere trocknet ihre Beine und ist dabei so konzentriert, dass sie den Eindringling noch nicht entdeckt hat. Doch durch die Fußwaschung muss Diana ihre Schenkel ein wenig öffnen. Was kann Aktaion hier sehen?

Es gibt Hinweise im Bild, die auf den Ausgang der Geschichte deuten. Gleich wird Diana Aktaion mit Wasser bespritzen und in einen Hirsch verwandeln. So sehen wir im rechten Bildteil bereits den Wald, in den Aktaion fliehen muss; auf einem Mauervorsprung befindet sich bedrohlich ein Hirschschädel, der uns kein eindeutigeres Zeichen liefern könnte. Auch hängen in den Ästen bereits die Tierhäute der bisherigen Jagdbeute. Und wer besonders gute Augen hat, erkennt eine simultane Szene im Hintergrund, wo Diana zwischen den Bäumen nach einem Hirsch jagt. Im Original, welches fast 4 Quadratmeter misst, ist dies freilich besser zu erkennen.  

© the artinspector / alexandra tuschka