Umberto Boccioni - Attacke der LanzenreiterÖl auf Leinwand, 1915, 50 x 32 cm, Sammlung Jucker in Mailand

Tags: 20. Jahrhundert Futurismus Italien Italienische Malerei

Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt...

Beschreibung

Beschreibung und Interpretation des berühmten Gemäldes 'Attacke der Lanzenreiter' von Umberto Boccioni!

Umberto Boccioni — Attacke der Lanzenreiter // Carica dei lancieri

Das Ölbild ‚Carica dei lancieri‘ teilt sich in drei Bildebenen: Die linke untere Ecke zeigt schießende Soldaten mit Gewehren. Die Fläche in der Mitte besteht aus einer Fläche zerlegter Pferdefiguren und Lanzen. Die rechte obere Ecke weist einen Zeitungsartikel mit der Überschrift „Aufhalten der Deutschen durch die Franzosen. Fortschritt im Elsass (...)“ auf. Die eingeschränkte Farbpalette des Bildes beinhaltet verschiedene Schwarz-Weiß-Töne und Gelb. Durch die Abstufung der Farben entsteht eine Tiefenwirkung von der unteren linken Ecke zur oberen rechten. Aufgrund ihrer Größe und die beleuchtende, umrandende Farbverteilung rückt die Pferde-Masse ins Zentrum des Bildgeschehens. Die Wiederholung der verzehrten runden und kantigen Formen bewirkt eine Staffelung. In der Überlagerung lassen sich mehrere Beine, Hufe und Pferdehinterteile ausmachen, die das Auge in Unruhe Hin und Her wandern lässt. Es wird Bewegung imitiert, die durch die schattierenden Linien und Farbeinsätze verstärkt wird. In der Mitte auf den Pferderücken sind bei genauerem Hinsehen menschliche Gestalten mit Hüten auszumachen. Ihre Arme entsprechen Wehrschildern und Lanzen. Deren diagonaler Verlauf und Pfeil-Enden unterstützen die Dynamik des Bildes. In Verbindung mit der hellen, gelben Fläche am unteren Rand, die durch die blockierende graue Fläche aus Soldaten diagonal verläuft, bildet sich ein Dreieck. So unterstützt die gesamte Komposition die Bewegungs-Simulation der Menge.

Die Futuristen, zu denen auch Umberto Boccioni zählt, waren Befürworter des ersten Weltkrieges. Sie propagierten einen radikalen Neubeginn durch die Zerstörung alter Traditionen. Unter den Anhängern wird die Geschwindigkeit moderner Maschinen am Anfang des 20. Jahrhunderts zur Ideologie modernen Lebens. Sie schreiben 1910 in ihrem technischen Manifest: „Alles bewegt sich, alles fließt, alles vollzieht sich mit größter Geschwindigkeit. (...) So hat ein galoppierendes Pferd nicht vier, sondern zwanzig Beine, und ihre Bewegungen sind dreieckig.“ Futuristische Künstler versuchten die Forderungen der Gruppierung durch Bilder zu propagieren. Merkmale der Kunstrichtung sind Collagen, fragmentarischer Charakter und die Darstellung der Bewegung durch Formzerlegung, Vervielfachung des Objektes und Flächenüberlagerung.

Umberto Boccioni (1882–1916) bezeichnet dies als Dynamismus, wobei Linie, Fläche und Volumen gleichwertig beachtet werden müssen. Die Synthese aus Bewegung, Farb- und Formanalyse ist ein tragendes Merkmal der Kunst Boccionis. Im Gegensatz zu seinen Kollegen wählt der Hauptvertreter der futuristischen Malerei, in zahlreichen Werken das Pferd als Hauptmotiv. Für ihn ist nicht die Maschine, sondern das Tier Symbol des Fortschritts und drückt seiner Meinung nach ein dynamisches Ideal aus. Doch die Darstellung von Bewegung erfordert in der zweidimensionalen Kunst besondere Mittel. Während bis 1860 der fliegende Galopp ein gängiges Bildzeichen für die Geschwindigkeitsdarstellung von Pferden war, setzten Künstler im 19. Jahrhundert auf ‚speed lines‘ und andere oben genannte, kompositorische Mittel.

Außerdem wurden zu dieser Zeit dank Eadweard Muybridges (1830–1904) Momentfotografien die realen Bewegungsabläufe galoppierender Pferde erstmals für das menschliche Auge sichtbar. Es kann davon ausgegangen werden, dass Boccioni die Reihenfotos kannte und daher den Galopp in richtiger Beinstellung malte. ‚Angriff der Lanzenreiter‘ ist das einzige Kriegsbild Boccionis und macht Kund: Die Dynamik einer neuen Zeit – symbolisiert durch die berittene Menge – überrollt die alten, mächtigen Gesellschaftsstrukturen. Aber das Ölgemälde ist auch eines der letzten Werke des Künstlers. Wie die meisten seiner Kollegen meldet er sich 1915, kurz nach italienischer Kriegserklärung an Österreich-Ungarn, freiwillig an die Front. Ironischer Weise stirbt er 1916 an den Folgen eines Sturzes vom Pferd.

© the artinspector /  frauke maria petry