Jan Vermeer - Briefleserin am offenen FensterÖl auf Leinwand, 1657 - 1659, 83 x 64,5 cm, Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden

Tags: 17. Jahrhundert Jan Vermeer Niederlande Holländische Malerei Genremalerei Barock

"Wer hat an mich gedacht?"

Beschreibung

Länge: 2:35 Min.

Bildbeschreibung und Interpretation des berühmten Gemäldes 'Briefleserin am offenen Fenster' von Jan Vermeer!

Jan Vermeer - Briefleserin am offenen Fenster

Eine junge Frau steht am offenen Fenster und liest – mit großer Aufmerksamkeit und innerer Anspannung – einen Liebesbrief. Jan Vermeer malte die Briefleserin am offenen Fenster etwa 1657. Ihr Gesicht wird mit leichter Brechung im Fenster gespiegelt. Das offene Fenster dient dabei dem Lichteinfall in den dunklen Raum und kann als Verlangen der Frau nach der Öffnung des häuslichen Bereichs betrachtet werden. Hintergrund für diese Interpretation ist die damals herrschende Norm, Ehefrauen weitgehend von der Außenwelt zu isolieren.

An einem hochgerafften Teppich im Vordergrund lehnt eine Schale, aus der Obst herausfällt. Die Pfirsiche und Äpfel, die an Evas Sündenfall erinnern, lassen Rückschlüsse auf einen Ehebruch zu, der sich mit dem Briefempfang anbahnen könnte. Röntgenaufnahmen des Gemäldes ergaben, dass Vermeer ursprünglich ein Bild von Cupido, dem römischen Pendant zum Liebesgott Armor, eingefügt hatte. Die Abbildung des Cupido, lateinisch für Begierde, hätte dem Rezipienten hierbei das Bildverständnis wesentlich erleichtert. Vermeer nahm diese Eindeutigkeit durch eine Übermalung schließlich aber wieder zurück. Der Vorhang im rechten Bildrand bildet den kompositorischen Gegenspieler zur Fensterkonstruktion, wobei beide Bildgegenstände das Hauptgeschehen rahmen und den Blick des Betrachters darauf fokussieren.

Vermeer konstruierte seine Kompositionen mit geschickter Akribie und nahm sogar eine Camera obscura, eine Lochbildkamera, zu Hilfe. Um den Raum dreidimensional darzustellen und eine Distanz zwischen dem Bild und seinem Betrachter zu bewirken, arbeitete er häufig sehr plastische Bildgegenstände, wie den Teppich, mit ein. Der Fluchtpunkt liegt hier, wie häufig bei Vermeer, hinter den zentralen Bildobjekten und mündet in diesem Fall hinter dem Vorhang im rechten Bildrand.

Vermeer gelingt es, mit der nachdenklichen Darstellung der jungen Frau eine Lücke entstehen zu lassen, die von jedem Betrachter individuell gefüllt werden kann: Wer hat den Brief geschrieben? Was steht darin, und mit welchen Worten? Und – wird sie auf das Angebot eingehen?

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