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Edvard Munch - Asche

  • Autorenbild: Alexandra Tuschka
    Alexandra Tuschka
  • 5. Jan. 2023
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Jan. 2023

von Alexandra Tuschka


Frontal und blickfesselnd sehen wir auf eine verzweifelte junge Frau. Sie rauft sich die wilden, roten Haare, ihr Blick ist leer, die Mundwinkel hängen herunter. Die Körperhaltung gibt uns nicht nur den Blick auf das weiße Überkleid, sondern auch auf ein rotes Mieder frei, welches die Dame "darunter" trägt. Nicht ohne Reiz ist diese Farbe, die vom Künstler bewusst gewählt wurde. Ein Mann ist links in der unteren Bildecke zu erkennen. Er scheint sich von uns als Betrachter und der Dame schützend abzuwenden, sein Gesicht zeigt ins Bildinnere. Ganz fahl und kränklich grün ist seine Haut, das Gewand ein kräftiges Schwarz.

Im Hintergrund sind einige Bäume zu erkennen, welche das Bild vertikal rhythmisieren. Hinter der Frau finden sich noch verschiedene Steine, die überwiegend das Weiß des Kleides wiederaufnehmen. Fast wie ein halbierter Rahmen, sehen wir unten und links noch eine Form, welche das Bild hier zart umhüllt. Sucht man nach der bildgebenden "Asche" wird man vermutlich hier fündig, da man unten eine Holzmaserung erkennen kann, welche im linken Teil zu Rauch aufsteigt. Typisch für Munch ist die Malweise vereinfachend und die Farbe nur leicht aufgetragen, an manchen Stellen verläuft sie sogar.

"Asche" ist ein ohnehin schwer anmutender Bildtitel, welcher in Verbindung mit dem gezeigten meist als Ende einer Beziehung interpretiert wird. Da Munch das Werk ursprünglich "Nach dem Sündenfall" nannte, unterstützt dies die Deutung. Da die Assoziation zu Adam und Eva offenbar von Munch später nicht mehr gewünscht wurde, werden hier oft allgemeinere Themen zwischen Mann und Frau hineingelesen. Neben dem bereits erwähnten Ende einer Beziehung, gehören dazu Impotenz, die verführerische Macht der Frau, unter der der Mann zunichte gemacht wird (und zu Asche zerfällt); der schwache Mann und die triumphierende Frau. Gut möglich, dass hier eine kompositorische Nähe des Mannes zu der aufsteigenden Asche auch inhaltlich intendiert war.

Dies ist das erste mehrerer Auseinandersetzungen mit dem Motiv. Eine spätere Lithografie ergänzt das Thema durch eine Frauenfigur, welche sich aus dem Rauch bildet und auch unserer Hauptfigur sehr ähnlich sieht. Diese Dame oben ist aber gar nicht verzweifelt, sondern vielmehr überlegen, mondän und gleicht einer "femme fatale". Der Kontrast zwischen dem Schwarz des Mannes und dem Weiß der Frau ist hier umso deutlicher. Dass in der Geste der Frau auch eine vermeintliche Hingabe mit viel Verführungscharakter steckt, wissen wir, da Munch diese Geste in Abwandlungen wieder benutzte, so bspw. im Bild "Hände".


Munchs Biografie und Tagebuchaufzeichnungen stützen die These, dass er sich auch persönlich im Geschlechterkampf als Mann unterlegen fühlte. Eine kurze Liebesaffäre mit einer Frau, die einen anderen heiratete, kränkte ihn nachhaltig. Er schrieb in sein Tagebuch 1895 "Ich habe in der Übergangszeit gegen die Frauenemanzipation gelebt. Da war es, dass die Frauen verführten, lockten, und die Männer bedrängten [...]. In der Übergangszeit wurden die Männer die Schwächeren." Als Teil seines sogenannten "Lebensfries" welches sich um Angst, Liebe und Tod dreht, hat das Werk zudem einen symbolhaften, allgemeingültigen Charakter.

Edvard Munch - Asche (Nach dem Sündenfall)

Öl auf Leinwand, 1895, 120,5 x 141 cm, Norwegische Nationalgalerie, Oslo


Edvard Munch - Asche I

Litografie, 1895, 50 x 43 cm, Munch-Museum, Oslo


Edvard Munch - Hände

Öl auf Leinwand, 1893, Munch-Museum, Oslo

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